Svea B

Nach einer abgeschlossenen Ausbildung und zwei Jahren im „harten“ Arbeitsleben dachte ich mir, dass das noch nicht alles gewesen sein kann und bewarb mich Ende 2017 auf ein Working Holiday Visum in Kanada. Die wohl häufigste Frage, die ich später zu hören bekommen sollte, war: „Warum genau Kanada?“ Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich es am Anfang schwierig fand, die Frage zu beantworten, allerdings fiel es mir mit der Zeit immer leichter. Rückblickend fällt es mir, was eine Überraschung, noch viel leichter mindestens ein Dutzend Gründe aufzuzählen, aber ich denke, das wäre vielleicht nicht ganz fair. Deshalb würde ich sagen, dass meine Beweggründe wohl die vieler Kanada W&T’s waren: Die englische Sprache, mit der man sich halbwegs sicher durch ein neues Land bewegen, navigieren und fragen kann, die gebotene Sicherheit im Land (im Vergleich zu vielen anderen Ländern) und das (so hatte ich es zumindest aus verschiedensten Quellen gehört) aufgeschlossene und freundliche Völkchen, dass mich dort erwarten würde. Außerdem hatte ich gehört, dass die Landschaft in Kanada sehr vielfältig und reizvoll sein sollte und die Temperaturen nicht tropisch heiß waren und dies waren definitiv zwei weitere Vorzüge des Landes.

Als ich nun also das Visum beantragt hatte, war ich stets in der Annahme es würde sowieso nicht klappen, weil ich davon gehört und gelesen hatte, wie die Plätze ausgelost werden und, dass es reine Glückssache sei, ob man einen Platz bekommt oder nicht. Als ich dann die Einladung zur Bewerbung im Postkasten und die Erfahrungsberichte, dass man nach einer Einladung den Platz so gut wie sicher habe, im Ohr hatte, war ich dann auf einmal nicht mehr so entspannt. Am Ende des Tages hatte ich jedenfalls ohne große Vorkommnisse meine Einreiseerlaubnis in der Hand, buchte mir einen Flug und zog dann im August 2018 los über den großen Teich in das Land des Ahornblattes.

Die Umgewöhnung war mindestens genauso extrem wie jegliche Größenverhältnisse in diesem Land: Die Entfernungen lehrten mich von Anfang an, dass der Weg das Ziel ist, die Supermärkte haben ein Sortiment, das wirklich keinen Wunsch mehr übriglässt und die Verpackungsgrößen die nichts kleiner als Familiengrößen hergeben. Wenn man vorher noch nie in Amerika war ist es definitiv eine neue Welt die man betritt.

Der Zeitpunkt an dem sich vieles verändert (und zum Positiven gewendet) hat war meine erste „Reise“, eher ein kleiner Ausflug von meinem Ankunftsort Toronto in den schönen Algonquin-Park. Ich wusste, dass ich die Natur liebe und wollte dort gerne das erste mal so richtig wandern gehen. Also buchte ich mir einen Bus bis Huntsville und lernte ganz zufällig und spontan auf einen Post hin einen (deutschen) Work & Traveller kennen, der auch gerade dort war, wir fuhren zusammen mit seinem Van durch den Park, wanderten gemeinsam, fuhren Kayak gemeinsam und hatten eine richtig tolle Zeit. Mit diesem ersten, winzigen Trip begann ein Jahr voller solcher Roadtrips, verrückter und wahnsinnig toller Bekanntschaften, Treffen auf Einheimische, unzählige Wanderungen in unfassbar schöner Natur und einfach ein Jahr voller Erinnerungen, die man ganz sicher nie vergessen wird.

Oft wurde ich nach meinem persönlichen Jahreshighlight gefragt und war total überfordert, weil man meiner Ansicht nach nicht sagen kann, es war Tag X, Ort X oder Erlebnis X das dieses Jahr ausgemacht hat. Es war die Summe der Erlebnisse, der Reisenden und Einheimischen die man kennenlernen durfte und vor allem die Veränderung an sich selbst die man (so finde ich) erst im Rückblick deutlich feststellt. Jeder Roadtrip war etwas besonderes: Mein erster richtiger Roadtrip war auch der längste mit einem Mädchen, das ich über Facebook kennengelernt habe und wir beide waren eigentlich total unterschiedlich, haben uns aber super ergänzt und hatten eine richtig tolle Zeit zusammen. Wir haben am Ende dann sogar gemeinsam drei Monate in Banff gelebt und gearbeitet und aktuell sogar einen gemeinsamen Mini-Roadtrip nach Bayern gemacht, stehen also in regelmäßigem Kontakt. Dann gab es einen verrückten Roadtrip mit zwei Jungs (in einem Van) durch Alaska, was zum einen von der Konstellation der wohl spannendste Trip war, aber auch landschaftlich wahnsinnig viel zu bieten hatte, inklusive jeder Menge Elche und Bären und dem zweithöchsten Berg Nordamerikas im Denali Nationalpark. Die vertrautesten Roadtrips waren dann der mit meiner besten Freundin und der mit meiner Familie, weil es einfach ein unbeschreibliches Gefühl ist, jemandem den man gern hat sein neues „zu Hause“ auf Zeit und alles was man so kennengelernt hat, zu zeigen. Und schlussendlich der letzte Roadtrip, der einfach etwas Besonderes war weil es das letzte mal „pure Freiheit“ war und weil wir auf Neufundland noch einmal dieses faszinierende Land von einer ganz anderen, weniger touristischen, Art kennenlernen durften.

Aber auch die Zeit in der man mal „seinen Anker geworfen hat“, also längere Zeit an einem Ort war, das kanadische Arbeitsleben kennenlernen durfte und so etwas wie einen „Alltag“ hatte, war eine richtig coole Erfahrung und gehört meiner Meinung nach zu einem Work & Travel Jahr absolut dazu. Bei dem vielen Reisen passiert es nämlich schnell, dass man in eine Art Sightseeing-FOMO-Spirale (Fear of missing out) gerät und von einem Ort an den nächsten hetzt, obwohl man eigentlich ein ganzes Jahr Zeit hat. Gerade dann (und vor allem während des kanadischen, wahnsinnig kalten Winters ist es dann sinnvoll, sich mal ein wenig zu „settlen“. Außerdem kann man so sein vom vielen Reisen ausgelaugtes Konto etwas entlasten und auch bei der Arbeit wieder viele neue Leute kennenlernen.

„Long story short“ wie die Kanadier manchmal sagen, war es ein richtig tolles Jahr mit unzähligen Eindrücken, Erlebnissen, Bekanntschaften & Freundschaften, das man wohl niemals vergessen wird!

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