Luci P

Oh, the places you’ll go…

Unendliche Weiten, türkisblaue Seen und Wälder wie im Märchenland. Das offene Meer mit seinen riesigen Bewohnern, Strände und Häfen von Vancouver Island, Arbeit auf der Pferderanch, ein eigenes Pferd und eine Gruppe Unbekannter auf einem Roadtrip durch die Rocky Mountains.

All das ist meine Zeit in Kanada. Und ich möchte dir davon erzählen.

Am vierten Mai 2019 sitze ich im Flugzeug von Frankfurt nach Vancouver. Alles ist für mein Work and Travel Jahr vorbereitet; alles Wichtige habe ich dabei: Reisepass, POE letter, health insurance, Kreditkarte, Koffer, Reisetagebuch, Gastgeschenke und auch ein wenig Angst. (Letzteres habe ich jedoch eher unfreiwillig mitgenommen.) Für eine Reise ins Unbekannte lasse ich nun alles Vertraute und vor allem die Menschen zurück, die mir in meinem Leben am wichtigsten sind. Doch bevor mich der Abschiedsschmerz so richtig erwischt, lerne ich Isabella kennen, die neben mir im Flugzeug sitzt. Sie erzählt mir von sich und ihrem Leben in Victoria, gibt mir bereits einige Reisetipps und schreibt mir sogar ihre Kontaktdaten und Adresse auf, damit ich sie mal besuchen komme. So fühle ich mich direkt aufgehoben.

Zunächst geht es für mich auf eine Pferderanch nach Vancouver Island. 2018 habe ich dort bereits den Sommer verbracht und die Ranch ursprünglich über Workaway entdeckt. Ich freue mich unglaublich, meine Gastfamilie wieder zu sehen und in der Natur mit den Pferden arbeiten zu dürfen. Unter anderem rehabilitieren wir solche Pferde, die schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Im Juni kommt dann dieses wunderschöne, schwarze Pferd, welches nichts mit uns Zweibernern zu tun haben möchte, in unser Training. Sie läuft davon, sobald man sich ihr nähert und lässt sich nicht berühren. Dennoch berührt sie schon bald mein Herz. Ich verbringe viel Zeit mit ihr, füttere sie täglich vier Mal und nach zwei Wochen lässt sie sich von mir das erste Mal streicheln. Schnell fängt sie an, auf mich zuzukommen, wenn sie mich sieht, lässt sich von mir putzen und ich starte erste Schritte der Bodenarbeit mit ihr. Aus persönlichen Gründen kann ihre Besitzerin sie nicht behalten und wie es das Schicksal so will, darf ich von nun an für sie sorgen. Dafür arbeite ich am Wochenende zusätzlich im Restaurant. Eigentlich wollte ich ja meinen eigenen Van haben – doch einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, oder?!

Unvergesslich war auch der August, mein Reisemonat. Über eine Work and Travel Facebookgruppe schließen sich relativ kurzfristig Viola, Bob, Lina und ich zusammen und mieten uns einen Van, um einen Roadtrip auf Vancouver Island und in die Rocky Mountains zu machen. Dani ist mit ihrem eigenen Van dabei. So sind wir eine Gruppe von fünf Unbekannten, zusammen unterwegs für die nächsten vier Wochen. Zu Beginn ist alles noch etwas chaotisch und ungeplant, doch wir verstehen uns direkt super und sind die ganze Zeit nur am Lachen. Zu den Highlights des Roadtrips gehören definitiv die beeindruckende Natur Kanadas – darunter der Regenwald auf Vancouver Island, die Joffre Lakes in BC mit ihrem türkisblauen Gletscherwasser und natürlich die Rocky Mountains rund um den Jasper und Banff national parc. Darüber hinaus beeindrucken uns Tiere wie Schwarzbären, Elche, Hirsche, Pikas, Streifenhörnchen, Murmeltiere, Otter, Orcas und ein Buckelwal.

Doch auch die „kleinen“ Momente sind auf unserer Reise von großer Bedeutung. Mit jeder Wanderung, jedem erklommenen Berg, wachsen wir als Gruppe immer weiter zusammen. Wir genießen sternenklare, eiskalte Nächte oder gemeinsames Kochen am Strand. Irgendwann wird uns klar, dass die Menschen, mit denen man einen Weg beschreitet, wichtiger sind als die Orte, an die man reist. Am Ende des Roadtrips verschlägt es uns in alle Richtungen, doch wir sind auch jetzt – über ein Jahr später – immer noch in Kontakt.

Nach dieser Reise geht es für mich zurück auf die Ranch. Eigentlich hatte ich ursprünglich geplant während meines Work and Travel Aufenthaltes an verschiedenen Orten zu arbeiten. Doch ich fühle mich auf Vancouver Island und der Pferderanch so wohl, dass ich beschließe, dort noch ein halbes Jahr länger zu bleiben.

Aber ich möchte ehrlich zu euch sein: Es ist nicht immer leicht. Das Leben auf der Pferderanch ist eben kein Leben auf dem Ponyhof. Besonders der Winter ist teilweise echt hart. Wir sind auf der Ranch ein paar Tage eingeschneit, sodass einem regelrecht die Decke auf den Kopf fällt. Und natürlich gibt es auch Zeiten, in denen ich meine Freunde und Familie aus Deutschland sehr vermisse.

Andererseits habe ich nun auch eine „kanadische Familie“. Wir feiern zusammen Geburtstage, Thanksgiving, Weihnachten, Neujahr und ich lerne das kanadische Leben immer intensiver kennen. Doch nach zehn Monaten in Kanada geht es für mich auf den nächsten Roadtrip, weiter in die USA. Das heißt Abschied nehmen. Von all‘ den lieb gewonnenen Menschen, den Pferden, dem Hund und meinem Pferd La Luna.

Ein letztes Mal betrete ich mein Zimmer, schließe meinen Koffer und verlasse die Ranch ohne noch einmal zurückzublicken. In Gedanken blicke ich zurück, jeden Tag. Und bin dankbar für diese wundervolle, unvergessliche Zeit und die Menschen, die für immer in meinem Herzen bleiben.

So eine Reise ist wie ein Mosaik und es passieren verrückte Dinge, mit denen du im Vorhinein niemals gerechnet hättest. Viele bunte Teilchen ergeben dann irgendwann ein Ganzes.

Worauf wartest du noch..?!

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