Darf ich mit dem IEC work permit selbständig sein?

Das Working Holiday Visa ist ein open work permit, also darfst du für jeden beliebigen Arbeitgeber arbeiten, egal ob angestellt oder als Freelancer oder Contractor (außer natürlich in den Jobs, die auf dem work permit ausgeschlossen sind).

Mit dem Young Professional Visa bist du in Kanada bei einem Arbeitgeber fest angestellt und nur an diesen gebunden und darfst keinen Nebenjob haben.  Der Name des Arbeitgebers wird im work permit stehen und es darf dich keine andere Firma einstellen.

Viele Work and Traveller werden in eine Situation kommen, in der der neu gefundene Job sich einfach zu gut anhört. Dann stellt sich heraus, dass der zukünftige Arbeitgeber dich als "contractor" einstellen möchte. Das bedeutet der Arbeitgeber hält sich aus den Steuersachen raus. Er stellt keine pay cheques (Lohnzettel) aus und zieht auch keine Lohnsteuern, Rentenversicherung und Arbeitslosenversicherung ab.

Der Grund, warum die Arbeitgeber soviele Work and Traveller als "contractors" ausnutzen:
Normalerweise ist bei einem Employee-Verhältnis der Arbeitgeber verpflichtet, die Lohnsteuern, die Rentenversicherung (CPP) und Arbeitslosenversicherung (EI) abzuziehen und an die Steuerbehörde abzuführen. Der Arbeitgeber muss sowohl den abgezogenen Employee-Anteil als auch seinen eigenen Anteil der Pflichtbeiträge an die Steuerbehörde übermitteln.

Wenn er dich als "contractor" einstellt,

  • drückt er sich vor dem eigenen Anteil der Pflichtbeiträge,

  • muss er keine Überstunden bezahlen,

  • muss er kein vacation pay (Urlaubsgeld) bezahlen,

  • muss er kein holiday pay (Feiertage) bezahlen.


Diese Extrazahlungen werden dir als contractor alle entgehen.
In Kanada nennt man das, was der Arbeitgeber macht, Steuerhinterziehung und der Arbeitgeber kann da in mächtige Schwierigkeiten kommen und hohe Steuerstrafen zahlen. Mehr Infos >hier< auf der offiziellen Seite.

Als contractor muss man alle Steuern selbst abführen und zusätzlich auch noch den Arbeitgeberanteil der Rentenversicherung (CPP) bezahlen, weil man sein eigener Arbeitgeber ist. Für 2019 sind das 10.2% und für 2020 sind es 10.5% zusätzlich zu den Steuern.

Ab einem Verdienst von $30,000 in vier aufeinander folgenden Quartalen muss man sich auch für die GST/HST-Nummer registrieren, diese dann in den Rechnungen belasten und  an die Steuerbehörde abführen. Dementsprechend wird die Steuererklärung am Ende des Jahres kompliziert und ein accountant muss an diese Sache ran.

Und neben all den extra Zahlungen, die dir entgehen, ist es am schlimmsten und am frechsten, dass der Arbeitgeber dich nicht für Unfälle am Arbeitsplatz versichern muss. Da spart er sich auch noch Geld und du musst dich privat versichern, was sehr teuer werden kann.

Zusätzlich solltest du eine Berufshaftpflichtversicherung abschließen. Für die Arbeit in einem Büro ist es kein Problem, keine zu haben, aber wenn du beispielsweise als contractor im Baugewerbe angestellt wirst, bei dem ein gravierender Fehler zu einer riesigen Klage führen kann, ist eine Berufshaftpflichtversicherung unerlässlich. Der Arbeitgeber wird immer aus dem Schneider sein, denn er hat dich als contractor eingestellt und hat keine Haftung...

Als selbständiger sole proprietor haftest du nämlich für deine Fehler und im Falle einer Klage kann das Gericht von all deinen persönlichen Gegenständen, einschließlich deiner persönlichen Bankkonten, das nötige Geld einklagen.

Wann ist man ein Employee?
Wenn du diese Fragen mit "Ja" beantworten kannst.

  • Hat der Arbeitgeber den Verdienst oder Stundenlohn selbst festgelegt?

  • Wird der Arbeitgeber deinen Arbeitsplan/Schichtplan erstellen?

  • Entscheidet der Arbeitgeber selbst, wo, wann und wie du die Arbeit erledigen musst?

Was deutet darauf hin, dass ich als contractor eingestellt werde?

Neben den o.g. Punkten ist es auch offensichtlich, dass der Arbeitgeber möchte, dass du ihm Rechnungen stellst. Das muss man als employee nicht. Als employee bekommt man einen pay cheque (Lohnzettel mit allen Abzügen) als Abrechnung.
 

Was passiert mir, wenn das raus kommt?
Außer dass du höhere Beträge für die Rentenversicherung zahlst, wird dir nichts passieren, denn du selbst verstößt nicht gegen das Steuergesetz. Man darf ja als contractor arbeiten.

Was kommt auf den Arbeitgeber zu?
Das was der Arbeitgeber macht, nennt sich "tax evasion" und ist in Kanada eine Straftat.

Er muss alle ausstehenden Lohnsteuern und Pflichtbeiträge inkl. des Arbeitnehmeranteils (rückwirkend zum Beginn der Arbeit) nachzahlen.
Er muss Strafen und Zinsen für den überfälligen Betrag zahlen.

Falls du dich für den Job entscheidest, und dir alles o.g. bewusst ist, was auf dich zukommt, lege etwa 30% von den Einnahmen beiseite. So tut es bei der Steuererklärung dann nicht so weh.

Ich empfehle, eine Excel-Tabelle zu führen. Darin sollte der Firmenname mit Adresse und Kontaktdaten stehen. Dann alle Einnahmen auflisten. Bei der Steuererklärung muss man als contractor oder self-employed das Formular "T2125 Statement of Business or Professional Activities" ausfüllen und das Einkommen melden. Dementsprechend wird versteuert.

Wenn ihr sicher seid, dass ihr eigentlich ein employee wart, aber als contractor bezahlt wurdet, könnt ihr das hier probieren:

Den Gesamtbetrag dieser Einnahmen unter "Other Employment Income" in Zeile 104 (ab dem Steuerjahr ist es die Zeile 10400) in der Steuererklärung eintragen. Die Excel-Liste mit der Übersicht der Einnahmen ausdrucken und handschriftlich drauf schreiben, und mit etwas Glück muss man dann den Arbeitgeberanteil an den CPP-Beiträgen (Rentenversicherung) nicht zahlen:


"In the tax year [Steuerjahr einfügen] I worked for this employer [Name und Adresse des Arbeitgebers einfügen]

From this employer I have never received a T4 for my work. I worked fixed hours, the employer set the wage and the work schedule. To this company I was an employee. Herewith I request a ruling about my relationship with the employer. In my opinion I do not have to pay the employer portion of the Canada Pension Plan.  I reported this income to my best knowledge in the tax return."

Zum Schluß noch die wichtigste Information: Wenn du beabsichtigst, über Express Entry nach Kanada auszuwandern, wird die Zeit als self-employment nicht als Canadian Experience angerechnet.

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